Die ersten 24 Stunden in Sarajevo
So kommst du mit Kindern gut an — ohne Stress, ohne Umwege
Autor: Anja Fischer
Warum die ersten 24 Stunden in Sarajevo entscheidend sind
Als ich 2022 mit meinen damals 5 und 8 Jahre alten Kindern zum ersten Mal in Sarajevo ankam, war mein erster Gedanke: Zu viel. Zu laut. Zu viele Entscheidungen. Wir standen mit zwei Rucksäcken und einem Kinderwagen mitten in der Baščaršija, und mein Sohn fragte nach McDonald's. Nicht mein schönster Reisemoment.
Was ich damals nicht wusste: Sarajevo braucht eine Eingewöhnungszeit. Nicht Tage — sondern Stunden. Wer die ersten 24 Stunden richtig angeht, kommt in einen Rhythmus, der den Rest des Urlaubs trägt. Wer sie verpatzt, kämpft die ganze Woche gegen müde Kinder und gereizte Eltern an.
Dieser Artikel ist mein persönlicher Fahrplan — entstanden aus drei Reisen, mehreren Fehlern und einer Menge Gesprächen mit lokalen Familien und Reiseführern vor Ort.
Ankunft am Flughafen Sarajevo (SJJ) — die ersten 30 Minuten
Der Flughafen Sarajevo (SJJ) ist überschaubar. Wer schon mal Frankfurt oder München kennt, wird fast überrascht sein: Gepäckband, Ausgang, fertig. Das ist gut — denn nach einem Flug mit Kindern will niemand lange Wege.
Mein erster Tipp: Kauf sofort eine lokale SIM-Karte. Bosnien ist kein EU-Land, dein Roaming-Vertrag gilt hier nicht. Die BH Telecom Tourist SIM kostet 20 KM (etwa 10 €) und beinhaltet 15 GB für 30 Tage — erhältlich direkt im Terminal. Ohne Netz bist du in Sarajevo aufgeschmissen: Google Maps, Übersetzungs-Apps, Notfallnummern — alles hängt davon ab.
Zweiter Tipp: Kein Geldautomat, wenn es sich vermeiden lässt. Die Wechselstuben (Mjenjačnica) in der Stadt geben dir deutlich bessere Kurse. Der offizielle Kurs ist fix: 1 Euro = 1,95583 KM. Für den ersten Tag reichen 50 KM Bargeld aus dem Automaten — mehr brauchst du nicht, bevor du in der Stadt bist.
Vom Flughafen in die Stadt
Das Taxi vom Flughafen in die Baščaršija kostet zwischen 15 und 25 KM — immer vorher den Preis aushandeln, bevor du einsteigst. Ein offizielles Meter-Taxi ist besser als ein inoffizieller Fahrer, der dich am Ausgang anspricht. Mit Kindersitz? Den musst du leider selbst mitbringen oder einen Mietwagen buchen — Taxis haben in Sarajevo selten Kindersitze.
Wer mit dem Mietwagen anreist: Die Parkplatzsituation in der Altstadt ist schwierig. Mein Tipp aus 2025 — parke am Parkhaus Skenderija (ca. 1 KM zur Baščaršija) und gehe zu Fuß. Günstiger und nervenschonender als die engen Gassen der Altstadt.
Check-in und erste Orientierung — wo wohnen mit Kindern?
Für Familien empfehle ich klar: Apartment statt Hotel. Sarajevo hat eine wachsende Zahl an gut ausgestatteten Ferienwohnungen, die eine eigene Küche bieten — und das ist mit Kindern Gold wert. Morgens Porridge statt Hotelfrühstück für 20 Euro pro Person. Abends, wenn die Kinder müde sind, schnell Nudeln kochen statt nochmal rauszugehen.
Gute Lagen für Familien:
- Baščaršija-Nähe: Zentral, alles zu Fuß erreichbar, aber laut bis 22 Uhr
- Marindvor: Ruhiger, habsburgisches Flair, gute Straßenbahnanbindung
- Bjelave: Hügelig, ruhig, authentisch — nichts für Eltern mit Kinderwagen
Preise für ein 2-Zimmer-Apartment: 40–70 € pro Nacht, je nach Lage und Saison. Deutlich günstiger als vergleichbare Städte in Westeuropa.
Das erste Mittagessen — und warum du in die Baščaršija gehst
Nach dem Check-in geht es direkt in die Baščaršija, den osmanischen Bazar im Herzen der Altstadt. Nicht wegen der Souvenirs — sondern wegen des Essens.
Mein absoluter Tipp für das erste Mittagessen mit Kindern: Ćevapi bei Željo (Kundurdžiluk 19). Das Restaurant gibt es seit Jahrzehnten, die Schlange gehört dazu, und die gegrillten Hackfleisch-Röllchen im Lepinja-Brot mit Zwiebeln und Kajmak sind das beste Argument gegen McDonald's, das ich kenne. Mein Sohn hat 2022 nach dem ersten Bissen nie wieder nach Pommes gefragt — zumindest an diesem Tag.
Ćevapi kostet hier 5–7 KM für eine Portion (10 Stück). Für Kinder reicht eine halbe Portion. Dazu gibt es Ayran oder Boza — beides einen Versuch wert.
Praktische Info: Essen in der Baščaršija
Ćevabdžinica Željo, Kundurdžiluk 19, Sarajevo
Öffnungszeiten: täglich 8:00–22:00 Uhr
Preis: Ćevapi (10 Stück) ca. 5–7 KM (~2,50–3,50 €)
Kreditkarte: Nein — Bargeld mitbringen
Kinderfreundlich: Ja, Hochstühle vorhanden
Der erste Nachmittag — Sebilj, Gelbe Bastion, Trebević
Nach dem Essen kommt der erste richtige Stadtspaziergang. Ich empfehle bewusst nicht, am ersten Tag zu viel zu wollen. Kein Tunnel der Hoffnung, kein Museum, keine geführte Tour. Erst ankommen.
Die Route, die bei uns immer funktioniert hat:
- Sebilj-Brunnen — das Wahrzeichen der Baščaršija, osmanischer Holzbrunnen aus dem 19. Jahrhundert. Hier beginnt jeder Sarajevo-Besuch. Die Tauben um den Brunnen sind für kleine Kinder ein Highlight, das kein Museum toppen kann.
- Durch die Gassen der Baščaršija schlendern — Kupferschmiede, Teppichhändler, Süßigkeitenläden. Lokum (türkisches Konfekt) kaufen und probieren lassen.
- Gelbe Bastion (Žuta Tabija) — ein kurzer, steiler Aufstieg von der Altstadt aus (ca. 10–15 Minuten zu Fuß). Oben wartet der beste Blick über Sarajevo: die Moscheen, die Kirchen, die Minarette. Für Kinder ab 5 Jahren gut machbar. GPS: 43.8614° N, 18.4303° O.
Wer noch Energie hat — und das ist mein persönlicher Favorit für den ersten Abend — nimmt die Trebević-Seilbahn. Die Gondel fährt von der Bistrik-Station auf 1.163 Meter Höhe, direkt über der Stadt. Oben: Stille, Wald, und die berühmte verlassene Bobbahn von den Olympischen Spielen 1984. Meine Tochter hat die Bobbahn als "gruselig-cool" beschrieben — was ich als Empfehlung werte.
Praktische Info: Trebević-Seilbahn
Abfahrt: Bistrik-Station, Sarajevo (GPS: 43.8545° N, 18.4264° O)
Öffnungszeiten: täglich 9:00–21:00 Uhr (Sommer), 9:00–17:00 Uhr (Winter)
Preis: ca. 10 KM Erwachsene, 5 KM Kinder (Stand 2025)
Fahrzeit: ca. 8 Minuten
Tipp: Nachmittags für das beste Licht — aber auch am frühen Abend wunderschön
Der erste Abend — bosnischer Kaffee und Abendessen ohne Hektik
Für den ersten Abend gilt: Nicht übertreiben. Kinder, die acht Stunden auf Beinen waren, essen auch gerne früh und schlafen früh. Das ist kein Versagen — das ist kluge Reiseplanung.
Mein Tipp für das Abendessen: Restaurant Inat Kuća (Veliki Alifakovac 1) — direkt an der Miljacka, mit Blick auf die Vijećnica (das historische Rathaus). Der Name bedeutet "Haus des Trotzes" und hat eine charmante Geschichte: Es wurde im 19. Jahrhundert Stein für Stein verlegt, weil der Besitzer sein Haus nicht für den Bau der Vijećnica aufgeben wollte. Inhaber Almir hat mir 2022 die Geschichte beim Kaffee erzählt — so lernt man Sarajevo kennen.
Auf der Karte: Bosanski Lonac (bosnischer Eintopf), Dolma (gefülltes Gemüse) und natürlich Baklava zum Abschluss. Kinder essen hier überraschend gut — die Speisen sind mild, sättigend und ohne Exotik-Schock.
Danach: Bosnischer Kaffee (Bosanska Kafa) in einem der kleinen Kafanas in der Baščaršija. Wichtig: Den Würfelzucker (Kocka šećera) in den Mund nehmen und durch ihn hindurch den Kaffee schlürfen — nicht in den Kaffee werfen. Das ist keine Kuriosität, das ist Tradition. Und Kinder finden es großartig.
Der nächste Morgen — früh aufstehen lohnt sich
Sarajevo am Sonntagmorgen (oder generell vor 9 Uhr) ist eine andere Stadt. Die Baščaršija gehört dir alleine. Kein Touristengedränge, kein Lärm — nur Tauben, Händler, die aufbauen, und der Geruch von frisch gebackenem Brot.
Mein Tipp für den Morgen: Frühstück beim Bäcker, nicht im Hotel. Burek (Filoteig mit Fleisch) oder Sirnica (mit Käse) kostet 2–3 KM und ist das authentischste Frühstück, das du in Bosnien bekommst. Die beste Bäckerei in der Baščaršija? Pekara Sač, Bravadžiluk 11 — die öffnen um 6 Uhr morgens.
Nach dem Frühstück kannst du die Lateinerbrücke besuchen — der Ort, an dem am 28. Juni 1914 Erzherzog Franz Ferdinand erschossen wurde und damit der Erste Weltkrieg seinen Ausgang nahm. Für ältere Kinder (ab 8–9 Jahren) ist das ein eindrucksvoller Moment. Das kleine Museum am Brückenkopf kostet 4 KM Eintritt und erklärt den Kontext verständlich.
Praktische Info: Lateinerbrücke & Museum
Adresse: Obala Kulina Bana, Sarajevo (GPS: 43.8583° N, 18.4327° O)
Museum: Di–So 10:00–18:00 Uhr
Eintritt: 4 KM Erwachsene, 2 KM Kinder
Für Kinder ab 8 Jahren empfohlen
Externe Info: sarajevo-tourism.com
Was du in den ersten 24 Stunden besser weglässt
Ich werde oft gefragt, ob man den Tunnel der Hoffnung direkt am ersten Tag besuchen soll. Meine ehrliche Antwort: Nein. Nicht weil er nicht wichtig wäre — er ist eines der bewegendsten Zeugnisse der Belagerung Sarajevos (1992–1995) und absolut sehenswert. Aber emotional ist er schwer, und das braucht Kapazität. Plant ihn für Tag 2 oder 3 ein, wenn ihr euch in der Stadt eingelebt habt.
Gleiches gilt für die Galerija 11/07/95 — das Srebrenica-Gedenkmuseum. Für Familien mit Kindern unter 10 Jahren würde ich es ganz weglassen oder sehr gezielt vorbereiten. Für ältere Kinder ist es hingegen ein wichtiger, wenn auch schwerer Ort.
Und noch ein ehrlicher Hinweis: Die Touristenmassen in der Baščaršija können im Hochsommer (Juli/August) zwischen 11 und 16 Uhr erdrückend sein. Plant die Spaziergänge morgens oder abends — dann ist die Stadt so, wie sie wirklich ist.
FAQ — Häufige Fragen zur Ankunft in Sarajevo
Brauche ich für Sarajevo einen Reisepass oder reicht der Personalausweis?
Der Personalausweis genügt für EU-Bürger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Kein Reisepass nötig. Für Kinder gilt dasselbe — ein gültiger Kinderausweis reicht aus. Trotzdem empfehle ich, den Reisepass mitzunehmen, falls ihr weiter in die Region reist.
Welche Währung brauche ich in Sarajevo?
Die Landeswährung ist die Konvertibilna Marka (KM/BAM), fest an den Euro gekoppelt: 1 Euro = 1,95583 KM. In der Altstadt zahlt man fast überall bar. In größeren Restaurants und Hotels werden Karten akzeptiert. Tausche Geld lieber in einer Mjenjačnica (Wechselstube) als am Automaten — der Kurs ist besser.
Ist Sarajevo sicher für Familien mit Kindern?
Ja, eindeutig. Sarajevo hat eine sehr niedrige Kriminalitätsrate. Kleinkriminalität in Touristenbereichen ist minimal. Das einzige, worüber man informiert sein sollte: In ländlichen Gebieten außerhalb der Stadt gibt es noch verseuchte Minengebiete aus dem Krieg (1992–1995). In der Stadt selbst ist das kein Thema. Wege in der Natur nie verlassen — das gilt generell in BiH. Mehr Infos beim Bosnisch-Herzegowinischen Minenaktionszentrum (BHMAC).
Gibt es in Sarajevo kostenloses WLAN?
Ja, fast alle Cafés, Restaurants und Hotels bieten kostenloses WLAN. Trotzdem empfehle ich eine lokale SIM-Karte (BH Telecom Tourist, 20 KM / ~10 €, 15 GB) — gerade mit Kindern unterwegs ist man froh, immer online zu sein.
Ab welchem Alter ist Sarajevo für Kinder geeignet?
Ich würde sagen: ab 3–4 Jahren mit dem richtigen Programm. Kleine Kinder lieben die Tauben am Sebilj, die Kupferschmiede in der Baščaršija und die Seilbahn auf den Trebević. Für die historischen Museen (Tunnel, Galerija 11/07/95) empfehle ich ein Mindestalter von 9–10 Jahren — und immer mit Vorbereitung.
Wie viel kostet ein Tag in Sarajevo für eine Familie?
Sehr überschaubar. Eine realistische Kalkulation für 2 Erwachsene + 2 Kinder: Frühstück (Burek) ca. 10 KM, Mittagessen (Ćevapi) ca. 20 KM, Abendessen ca. 50–60 KM, Seilbahn ca. 30 KM, Eintritt Lateinerbrücke ca. 12 KM — macht zusammen rund 120–140 KM, also etwa 60–70 € für den ganzen Tag. Bosnien ist im Vergleich zu Deutschland gut 50 % günstiger.
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Mein Fazit nach drei Reisen nach Sarajevo: Diese Stadt verzeiht keine Hetze — und belohnt Langsamkeit. Die ersten 24 Stunden sind kein Sprint durch Sehenswürdigkeiten, sondern eine Einladung, anzukommen. Wer sich Zeit lässt, wer den Kaffee wirklich trinkt, wer mit den Kindern auf der Gelben Bastion sitzt und einfach nur schaut — der versteht Sarajevo schneller als jede geführte Tour es könnte. Ich bin 2022, 2023 und 2025 hier gewesen, und jedes Mal hat mich diese Stadt überrascht. Das ist kein Versprechen — das ist Erfahrung.
— Anja Fischer, Diplom-Pädagogin und Autorin von "Mit Kindern in den Balkan" (Reise Know-How, 2024)