Sebilj-Brunnen: Der Trick mit dem Schluck Wasser
Warum „Wer trinkt, kommt zurück
Autor: Anja Fischer
Wenn du das erste Mal auf die Baščaršija trittst — Sarajevos osmanische Altstadt — fällt dein Blick unweigerlich auf diesen achteckigen Holzpavillon in der Mitte des Platzes. Der Sebilj (ausgesprochen: Se-bilj, Betonung auf der zweiten Silbe) ist ein öffentlicher Trinkbrunnen aus dem Jahr 1753, der im osmanischen Stil gebaut wurde. Das heutige Erscheinungsbild stammt aus dem Jahr 1891, als er nach einem Brand rekonstruiert wurde — aber die Tradition des kostenlosen Trinkwassers für alle Passanten reicht bis ins Mittelalter zurück.
Das Wort „Sebilj" kommt aus dem Arabischen (sabil) und bezeichnet im islamischen Kulturraum einen öffentlichen Brunnen, der als Akt der Wohltätigkeit gestiftet wird. Wasser zu spenden galt als religiöses Verdienst. Auf der Baščaršija war der Sebilj jahrhundertelang die einzige Möglichkeit für Händler, Reisende und Handwerker, frisches Wasser zu bekommen — kostenlos, für jeden, ohne Fragen.
Heute läuft tatsächlich noch Wasser aus den kleinen Hähnen. Ob man es trinken sollte? Dazu gleich mehr.
Die Legende: Wer trinkt, kommt zurück — und was wirklich dahintersteckt
„Wer aus dem Sebilj trinkt, kehrt nach Sarajevo zurück." Das hört man überall in der Altstadt — von Reiseführern, von Souvenirhändlern, von Einheimischen. Mein Sohn Finn (damals 9) hat mich 2022 mit großen Augen gefragt: „Mama, ist das ein Fluch oder ein Versprechen?"
Ich finde: Es ist beides. Und genau das macht es so schön.
Die Legende hat keine exakt datierbare Quelle — sie ist gewachsen wie alle guten Stadtmythen. Wahrscheinlich entstand sie aus einer einfachen Beobachtung: Wer einmal in Sarajevo war, wollte wiederkommen. Die Stadt hat etwas, das schwer zu benennen ist — eine Mischung aus osmanischer Melancholie, südslawischer Herzlichkeit und einer Geschichte, die einen nicht loslässt. Der Brunnen wurde zum Symbol dieser Anziehungskraft.
Was ich nach drei Reisen sagen kann: Die Legende stimmt. Wir sind zurückgekehrt. Zweimal. Und beim dritten Mal haben wir Finn extra zum Sebilj geführt, damit er nochmal trinkt — nur zur Sicherheit.
Die Tauben: Nervensache oder Naturschauspiel?
Kein Foto vom Sebilj ohne Tauben. Hunderte von ihnen bevölkern den Baščaršija-Platz, sitzen auf dem Brunnendach, flattern um Kinder herum und picken Körner vom Pflaster. Für manche Eltern ist das der Alptraum schlechthin. Für Kinder ist es meistens das Highlight des Tages.
Meine Tochter Lena (damals 8) hat in Sarajevo zum ersten Mal in ihrem Leben Tauben aus der Hand gefüttert — und war danach nicht mehr vom Platz wegzubekommen. Kleine Tüten mit Körnern bekommst du direkt auf dem Platz von Händlern, für umgerechnet etwa 50 Pfennig bis einen Euro (Stand 2025, vor Ort prüfen). Das Geschäft mit den Tauben läuft gut.
Zur Beruhigung für alle Hygiene-bewussten Eltern: Die Tauben auf der Baščaršija sind zwar zahlreich, aber nicht aggressiv. Sie picken, sie flattern, sie sitzen auf Schultern — aber sie beißen nicht. Händewaschen danach ist Pflicht, aber das weißt du als Elternteil ohnehin.
Die Tauben gehören so sehr zur Identität des Platzes, dass es sich fast falsch anfühlen würde, wenn sie nicht da wären. In Sarajevo sagt man, die Tauben der Baščaršija seien so alt wie die Stadt selbst — natürlich übertrieben, aber im Geiste wahr.
Darf man das Wasser wirklich trinken? (Ehrliche Antwort)
Ja und nein. Das Wasser, das aus den kleinen Hähnen des Sebilj fließt, ist Leitungswasser — und Sarajevos Leitungswasser gilt als eines der saubersten auf dem Balkan. Die Stadt wird aus Karstquellen im Umland gespeist, und die Wasserqualität ist offiziell geprüft.
Trotzdem: Ich habe 2022 vorsichtig einen Schluck genommen und nichts Schlimmes ist passiert. Meine Kinder haben auf Anraten einer lokalen Bekannten — Amira, die in der Nähe einen kleinen Süßwarenladen betreibt — lieber auf symbolische Weise „getrunken", also die Lippen angetippt. Das reicht für die Legende, sagte sie mit einem Lächeln.
Mein pragmatischer Tipp: Nimm den Schluck, wenn du willst — aber nicht literweise. Für Kleinkinder unter 3 Jahren würde ich es weglassen, einfach aus Vorsicht. Für alle anderen: Die Legende braucht nur einen Tropfen.
Praktische Infos: Sebilj und Baščaršija mit Kindern
| Info | Detail |
|---|---|
| Standort | Baščaršija-Platz (Pigeon Square), Sarajevo-Altstadt |
| GPS | 43.8596° N, 18.4319° O |
| Eintritt | Kostenlos (Außenbereich, öffentlicher Platz) |
| Beste Uhrzeit | Früh morgens (7–9 Uhr) oder abends (19–21 Uhr) — tagsüber sehr voll |
| Taubenfütterung | Körner-Tüten vor Ort, ca. 0,50–1 € (Stand 2025) |
| Anreise zu Fuß | Vom Hauptbahnhof ca. 20 Minuten, vom Hotel Europe ca. 5 Minuten |
| Mit Tram | Linie 3, Haltestelle Baščaršija |
| Kinderwagen | Pflastersteine — Buggy möglich, aber holprig. Tragehilfe empfohlen. |
| Nächste Toilette | Im angrenzenden Bezistan oder in Cafés (meist kostenlos bei Verzehr) |
Was Kinder am Sebilj wirklich beschäftigt — und wie du es nutzt
Der Sebilj ist kein Museum. Er erklärt sich nicht selbst. Für Kinder unter 6 Jahren ist er vor allem ein Brunnen mit vielen Vögeln — und das ist vollkommen in Ordnung. Für Kinder ab etwa 7 Jahren kannst du aber wunderbar die Geschichte dahinter erzählen.
Was ich gemacht habe: Ich habe Finn und Lena erklärt, dass dieser Brunnen früher der einzige Ort war, wo Menschen in der ganzen Altstadt kostenlos Wasser bekommen konnten. Kein Supermarkt, keine Plastikflasche — nur dieser Brunnen, für alle. Das hat sie tatsächlich beeindruckt. Finn fragte: „Und wer hat das Wasser bezahlt?" Gute Frage. Ich erklärte, dass reiche Kaufleute und Würdenträger den Brunnen gestiftet haben, weil das im Islam als gute Tat gilt. Das war sein erster echter Einblick in eine fremde Kultur — besser als jeder Reiseführer.
Für Schulkinder ab 9–10 Jahren lohnt sich außerdem der Hinweis, dass der Sebilj Teil eines größeren osmanischen Stadtkonzepts ist: Moschee, Hamam, Karawanserei, Markt und Brunnen bildeten zusammen das Zentrum des osmanischen Stadtlebens. Der Sebilj ist das Wasser-Element in diesem System.
Rund um den Sebilj: Was du mit Kindern noch entdeckst
Der Baščaršija-Platz ist der natürliche Ausgangspunkt für einen Familienspaziergang durch die Altstadt. Von hier aus erreichst du in wenigen Minuten:
- Kazandžiluk — die Kupferstraße, wo Handwerker live vor deinen Augen Kupferschalen und Kannen hämmern. Meine Kinder haben dort fasziniert zugeschaut und sich am Ende je eine kleine Kupfer-Tasse als Souvenir ausgesucht.
- Morića Han — die letzte erhaltene Karawanserei Sarajevos aus dem 16. Jahrhundert. Heute Café und Souvenirladen, aber die Atmosphäre ist noch spürbar.
- Gazi-Husrev-Beg-Moschee — die größte historische Moschee Bosniens (1531), nur 3 Minuten vom Sebilj. Familien mit Kindern sind willkommen, Schultern und Knie müssen bedeckt sein. Tücher werden am Eingang ausgeliehen.
- Bezistan — der überdachte Basar direkt neben der Moschee. Kühl im Sommer, voller kleiner Läden mit Schmuck, Tüchern und Süßigkeiten.
Plane für den Sebilj selbst 15–20 Minuten ein — mehr für die Taubenfütterung und Fotos. Für den gesamten Baščaršija-Bummel mit Kindern rechne ich immer mit mindestens 2–3 Stunden, je nachdem wie oft jemand stehen bleibt.
Mein Fazit nach drei Reisen: Warum der Sebilj kein Touristenkitsch ist
Ich war skeptisch, als ich 2022 zum ersten Mal vor dem Sebilj stand. Ein Holzbrunnen mit Tauben und einer Legende — das klingt nach Instagram-Kulisse. Aber dann habe ich getrunken, meine Kinder haben getrunken, und wir sind zurückgekehrt. Zweimal.
Was mich wirklich beeindruckt hat: Die Einheimischen nutzen den Platz noch immer. Nicht für Touristenfotos, sondern weil er ihr Platz ist. Alte Männer sitzen auf Bänken und spielen Schach. Jugendliche treffen sich nach der Schule. Händler aus dem Bezistan machen hier ihre Pause. Der Sebilj ist kein Museum — er ist ein lebendiger Ort.
Und die Legende? Die funktioniert, weil sie wahr ist. Nicht magisch, sondern psychologisch: Wer einmal auf der Baščaršija gestanden hat, die Tauben gesehen, den Kaffee gerochen und das Pflaster unter den Füßen gespürt hat — der will wiederkommen. Das Wasser ist nur der Trigger für eine Erinnerung, die schon beim ersten Besuch entsteht.
Anja Fischer ist Diplom-Pädagogin, Reisebloggerin und Autorin von „Mit Kindern in den Balkan" (Reise Know-How, 2024). Sie war bisher dreimal mit ihrer Familie in Bosnien und Herzegowina — und plant die vierte Reise bereits.
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